Unsere 11 offenen Fragen zur geplanten Ortsumgehung Thalheim


1    Verlust an Wald und Landschaft

Die Stadt Thalheim liegt idyllisch eingebettet im Tal der Zwönitz, umschlossen von großen zusammenhängenden Waldflächen im Norden und im Süden. Das Stadtwappen trägt auch deshalb die „Drei Tannen“, siehe:  www.thalheim-erzgeb.de 

Nicht umsonst wirbt Thalheim wirbt mit der gelungenen Verbindung von Wohnen-Arbeiten-Erholen. Naherholung und Tourismus gehören zum Stadtkonzept.

Mit der geplanten Ortsumgehung (OU) soll nun das Zellerholz bis zur Tabakstanne im Nordwesten völlig zerschnitten werden, der stadtnahe Pfarrwald abrupt an einem Brückenpfeiler enden.

Ist dies vereinbar mit der Stadtentwicklung und regionalen Interessen der Landschaftspflege, der Naherholung und des Tourismus?


2    Gefahr für Biotope

Im unmittelbaren Umfeld der Stadt Thalheim befinden sich 45 Biotopkomplexe, in denen mehrere bedrohte Arten gedeihen, die auf der „Roten Liste BRD“ und der „Roten Liste Sachsen“ stehen.

Insbesondere der Pfarrwald und der Uhlmanngrund werden durch die geplante OU als „stark gefährdet“ eingeordnet.

Der Uhlmanngrund und der angrenzende Danielgrund sind die letzten durchgehenden Biotope in ökologisch hochwertiger Tallage in Thalheim. Genau diese Tallagen soll die OU mit einer Kombination von Straßendamm und Geländeeinschnitt queren. Die ökologische Durchgängigkeit wird unwiederbringlich  zerstört.

Wurden ökonomischer Nutzen und ökologischer Schaden sorgfältig genug abgewogen?


3    Stillschweigende Änderungen

Die Trasse ist zur Einhaltung von speziellen Trassierungselementen und für notwendige Überholmöglichkeiten im Zuge der Vorzugsvariante 2B entgegen der Linienbestimmung zusätzlich verschwenkt worden. Damit wird auch der Danielgrund in die Linienführung einbezogen, inclusive eines zusätzlichen Taleinschnittes und einer zusätzlichen Straßenunterquerung.

Dies erfolgte bisher ohne Information und ohne Beteiligung der Öffentlichkeit und führt neben der ökologischen Katastrophe für diese Gebiete auch zu deutlich höheren Baukosten.

Warum erfolgen diese Änderungen „im stillen Kämmerlein“ ohne öffentliche Beteiligung? Handelt es sich bei der ursprünglichen Linienführung der Vorzugsvariante 2B um einen Planungsfehler?


 

4    Wirtschaftliche Einschränkungen Freizeitunternehmen

In unmittelbarer Nähe der  geplanten OU-Trasse in Thalheim  befinden sich seit langem attraktive, aber auch ökologisch und ökonomisch sensible Freizeitangebote:
* Erlebnisbad „Erzgebigspark“ mit Freiflächen und  Freiluftsauna
* Waldcampingplatz
* Tennishalle, Sportplatz
* Trialplatz

Die Großbrücke mit ihren Pfeilern führt direkt über den Zeltplatz, die Freiluftsauna wird von oben einsehbar sein. Einer der Trialplätze wird unmittelbar tangiert.

Der Straßenverlauf wird diese Sport- und Freizeitanlagen optischen stark beeinträchtigen und  eklatant beschallen.

Der Bau der Großbrücke wird die Akzeptanz der Gäste verschlechtern und die gewachsenen Strukturen wirtschaftlich stark schädigen.

Rechtfertigt eine OU mit einem Kosten-Nutzen-Faktor von lediglich 1,48 das praktische AUS  für zahlreiche Einrichtungen, in die bereits erhebliche Fördermittel des Freistaates und des Bundes geflossen sind?


5    Anbindung Gewerbegebiet Burkhardtsdorf/ Thalheim an BAB A72

Auf dem Territorium der Stadt Thalheim selbst befindet sich kein ausgebautes Gewerbegebiet.

Am Ostrand ist jedoch ein gemeinsames Gewerbegebiet mit der Nachbargemeinde Burkhardtsdorf ausgewiesen, das voll ausgelastet ist mittelfristig weiter ausgebaut werden wird. Die Zufahrt erfolgt derzeit von der B180 über die Gewerbegebietsstraße (Meinersdorfer Straße/ Thalheimer Straße). Probleme sind nicht bekannt, einzig gibt es Bestrebungen von Anliegern, die zulässige Geschwindigkeit auf der Gewerbegebietsstraße auf 30km/h zu reduzieren.

Der Verkehr der nunmehr umverlegten und verschwenkten OU würde erst die Gewerbegebietsstraße unterqueren und in großem Bogen und abenteuerlichen Radien nach einer „Blockumfahrung“ (der  Aral-Tankstelle) den derzeitigen Anschluss der Gewerbegebietsstraße erreichen .

Als vermutlich weitgehend unbekannte Alternative laufen auf der Ebene „Ortsverbindungsstraßen“ Planungen, die für das Gewerbegebiet Burkhardtsdorf/ Thalheim einen schnellen und direkten Anschluss von der BAB A72 aus Richtung Jahnsdorf / OT Pfaffenhain schaffen könnten. Die Maßnahme einer damit verbundenen Verlegung des Mühlweges soll koordiniert mit der Erweiterung des Verkehrslandeplatzes Jahnsdorf erfolgen.

Welche Verbesserung soll die Ortsumgehung Thalheim wirklich für das Gewerbegebiet bringen? Womit ist die nachträgliche Trassenverschwenkung begründet, die wesentlich von der Vorzugslinie 2B abweicht?



6    Verkehrsbelastungen

In der Freien Presse vom 16.12.2003 prognostiziert Bürgermeister René Kühn in einem der Staatssekretärin Gleicke überreichten Schreiben, dass sich das Fahrzeugaufkommen in der Region (Thalheim/ Brünlos) von 6000 auf 18000 Fahrzeuge je 24 Stunden erhöhen würde.

Das zuständige Straßenbauamt begründete 2007, dass die Verkehrsbelastung auf der Ortsdurchfahrt Thalheim von 5300 Kfz in 24h, Schwerlastanteil  5%, (Freie Presse vom 06.12.2007)  nicht ausreiche, einen Kreisverkehr in der Ortsmitte (Kosten: 0,5 Mio €) zu rechtfertigen. In der bestehenden Ortsdurchfahrt bestehe im Übrigen auch keine erhöhte Unfallgefahr.

Sofern die Prognosen von Bürgermeister Kühn Realität werden, wird erheblicher Verkehr auf 2,5 km um Thalheim herum geleitet und ergießt sich unvermittelt auf weitere fast 8 km in das Zwönitztal nach Meinersdorf (1,4 km OD), Burkhardtsdorf (4,8 km OD) und Kemtau (1,5 km OD).

Die OD Burkhardtsdorf ist aktuell mit ca. 13000 Fahrzeugen je 24 Stunden belastet. Mit einer Ortsumfahrung Thalheim wird Burkhardtsdorf einen Verkehrsinfarkt erleiden.

Warum wird der Änderungen im Verkehrsaufkommen keine Rechnung getragen?
Warum gibt es keine aktuellen Verkehrszählungen und aktualisierte Prognosen?
Warum blieben bei der Planung die Auswirkungen auf die Nachbargemeinden unberücksichtigt?

7    Lärm

Die aktuelle Lärmbelästigung der Ortsdurchfahrt Thalheim liegt tagsüber bei ca. 62 dB und damit unter dem zulässigen Wert bei innerstädtischen Straßen im Bestand.

Die demographische Entwicklung geht von rückläufigen Tendenzen aus, was sich auch auf die Verkehrsentwicklung lärmsenkend auswirken wird. (Gilt nicht für regelwidrige Benutzung von Straßen!)

Der Verkehr auf der Ortsumfahrung Thalheim würde bei vergleichbarer Verkehrsbelastung durch höhere Geschwindigkeiten einen Pegel von ca. 71 dB erzeugen. Da die Skala der Schallemission logarithmisch aufgebaut ist, bedeutet das, dass sich die Schallemission nahezu verdoppelt.

Durch die Höhenlage der Umgehungsstraße und den teilweise sehr geringen Abstand zur Wohnbebauung ist zu erwarten, dass diese zusätzlichen Emissionen nicht mehr durch aktive Lärmschutzmaßnahmen zu bewältigen sind und dies zwingend zur Verlärmung der gesamten Ortslage führen wird. Dies betrifft insbesondere das Wohngebiet an der Stadtbadstraße mit Wohneinheiten in gleicher Höhenlage wie die geplante Großbrücke.

Zusätzliche Verbindungsfunktionen werden mit der derzeitigen Linienführung nicht erreicht.

Wo liegt die wirkliche Veranlassung für den Bau der Ortsumgehungsstraße?
Kann vielmehr durch intelligente verkehrsberuhigende Maßnahmen entlang der  Ortsdurchfahrt, die Anlage zusätzlicher Schutzstreifen für Radfahrer und Fußgängerüberwege eine ausreichende Verbesserung für alle Verkehrsteilnehmer und das Wohnumfeld erfolgen?
Für nur einen Bruchteil der 22 Mio € aus Steuergeldern ließe sich da einiges machen!

 8    Wasser

Auch das Zwönitztal war vom Augusthochwasser 2002 stark betroffen. Für die Schadensbeseitigung und den vorbeugenden Hochwasserschutz erfolgten seither erhebliche Investitionen, bei dem auch ökologische Faktoren berücksichtigt werden mussten.

Mit den massiven Einschnitten in das Gelände an der Jahnsdorfer Straße und an der Meinersdorfer Straße (analog Ortsumgehung Stollberg!) wird das Gefüge von unterirdischen Wasserläufen verändert. Da es keine „Pläne“ dieser Gefüge gibt, sind die Auswirkungen einer Störung nicht vorhersehbar.

Am Fuße des Erzgebirges tritt eine Vielzahl von „Wasseradern“ zutage, die in den höheren Regionen des Gebirges gespeist werden. Das ist die Ursache für die vielen „nassen Stellen“ auf den Hügeln der Region. 

Mit dem Straßenbau erfolgen weitere Flächenversiegelungen über mehrere tausend Quadratmeter.

Wurde das Risiko eines veränderten Wasserhaushaltes des Uhlmanngrundes für das untere Zwönitztal berücksichtigt?
Wird die Zwönitz zusätzliches Wasser aus höher gelegenen Bereichen aufnehmen können?
Reichen dann die Hochwasserschutzmaßnahmen noch aus?


9    Land- und Forstwirtschaftwirtschaft

Mit dem Bau der Umgehungsstraße Thalheim gehen viele durch Land- und Forstwirtschaft genutzte  Flächen verloren.

Durch die Einschnitte und Dämme entlang des gesamten Trassen-Nordrandes wird zudem das gesamte Hangwasser der Felder oberhalb gesammelt. Das verändert den Wasserhaushalt der Flächen. Der Landwirtschaft geht fruchtbares Ackerland verloren. Eine Bewirtschaftung der entstehenden Splitterflächen wird für die Nutzer unwirtschaftlicher.

Vorhandene und bereits ausgebaute Verkehrsverbindungen im Zwönitztal und die BAB A72/ „Pfaffenhainer Länge“ verlaufen über weite Strecken parallel.

Ist es zu verantworten, dass intakter Wald und bewirtschaftete Fläche zerstört werden, nur um eine weitere Verkehrsader in die bereits vorhandene West-Ost-Richtung zu legen?
Sind Querverbindungen für die Hauptverkehrsadern nicht wesentlich wichtiger?


10    Folgekosten

An der erst vor wenigen Jahren fertig gestellten Ortsumgehung Stollberg kam es bereits mehrfach zu gefährlichen Hang-Abrutschen. Seit dem müssen überaus teure Sanierungsmaßnahmen an diesen hohen Böschungen vorgenommen werden.

Bei vergleichbaren Baugrundverhältnissen in Thalheim (Phyllit, schiefrig und schnell verwitternd) sind wesentlich tiefere Einschnitte und damit noch viel höhere Böschungen geplant.

Dazu kommt in Thalheim stillgelegtes Bergbaugebiet in unmittelbarer Nähe zum Trassenbereich.

Warum werden diese Fakten ignoriert?
Warum werden mit der Planung der OU Thalheim die Probleme der OU Stollberg kopiert und vor allem erneut provoziert?

Neben dem Unterhalt der Ortsdurchfahrt wird zusätzlich der Unterhalt der Umgehungsstraße erforderlich. Die doppelten Kosten trägt unabhängig von der Baulast der Steuerzahler.

Welchen Ausbauzustand erhält die Ortsdurchfahrt mit der Umwidmung und wer trägt die Kosten für den späteren Straßenunterhalt in der Ortslage Thalheim?

Trotz oder wegen der Klimaveränderung wird es auch in Zukunft Winter geben. Mit jedem zusätzlichen Kilometer wird auch der beste Winterdienst zunehmend vor schwierige Aufgaben gestellt.

Schneeverwehungen besonders in Bereichen tiefer Straßeneinschnitte werden erfahrungsgemäß nicht immer ausreichend beherrscht. Entsprechend schwere Unfälle werden die Folge sein.

Warum soll auch dieses Risiko bei der Planung tiefer Einschnitte entlang der OU Thalheim erzeugt werden?


11    ungeprüfte Alternativen

Die geplante OU wird über eine Länge von ca. 6 km nahezu parallel entlang der BAB A72 geführt. Der Verkehr wird dann vor den Toren der Gemeinde Burkhardtsdorf/ OT Meinersdorf wieder gebündelt.

Sofern durch die Umgehungsstraße Thalheim eine Sogwirkung für den überregionalen Verkehr erzeugt wird, wird sich dies als zusätzliche Verkehrsbelastung auf die nachfolgenden Ortschaften auswirken.

Unterstellen wir ungeachtet der noch offenen Beantwortung o.g. Fragen die Sinnhaftigkeit einer Ortsumgehung für Thalheim, liegt es nahe, an eine Weiterführung über die nächsten ca. 6 km bis zur B95 zu denken, um auch die nachfolgenden Ortschaften gleichfalls zu berücksichtigen.

Auf Anfrage eines Landtagsabgeordneten an das sächsische Wirtschaftsministerium wurde am 12.12.2007 geantwortet: „ … Angaben … sind nicht möglich, da keine Planungen dazu vorliegen“  und: „ … da keine Untersuchungen zu einer weiträumigen Verlegung vorliegen, sind keine Angaben zu Entlastungen der Ortslagen möglich …“

Warum wird diese Untersuchung nicht nachgeholt? Welche Vor- und Nachteile hätte eine Verkehrslösung für das gesamte Zwönitztal?